Essay & Reportage

Was bleibt, Jörn Walter?

Jörn Walter war 18 Jahre lang der Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg und hat die Stadt – insbesondere die HafenCity – geprägt. Im Sommer ist er ausgeschieden. In einem Gespräch zieht er Bilanz.

Die verstorbene Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler hat einmal gesagt: „Wenn er zwischen dem Paradies und einem Vortrag über das Paradies wählen könnte, dann würde sich der Hamburger für den Vortrag entscheiden.“ Was ist für Sie, als gebürtiger Bremer, typisch Hamburg?

Es gibt in Hamburg einen sehr hochgesteckten Anspruch, aber auch eine sehr vornehme Zurückhaltung, ihn nach außen zu artikulieren. Das macht diese Stadt sehr sympathisch. Man ist in Offenheit mit der Welt verbunden, pflegt aber auch sehr viele konservative, ortsgebundene Werte. Man will gar nicht die ganze Welt hier spielen sehen. Mit Bezug auf Frau Kisseler: selbst wenn man im Paradies wäre, man würde nie darüber reden.

Würden Sie persönlich auch den Vortrag wählen?

Ich bin ja nicht nur hanseatisch geprägt. Ich bin sicher extrovertierter, mir liegen die Gefühle auch mehr auf der Zunge als es typisch für Hamburg ist.

Wenn Sie zurückblicken auf die letzten 18 Jahre, worauf sind Sie besonders stolz?

Große Stadtentwicklungsprojekte erstrecken sich immer über viele Jahrzehnte. Wenn man so ein Amt übernimmt, führt man meist etwas von seinem Vorgänger fort. In meinem Fall war das die „Perlenkette“, die jüngere Bebauung am nördlichen Elbeufer, die Egbert Kossak angestoßen hatte, die aber im Wesentlichen in meiner Zeit realisiert wurde.

Eine besondere Aufgabe, die sich für wenige meiner Generation gestellt hat, war die Hafencity: Eine Innenstadterweiterung von 40 Prozent für die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Ich bin zu einer Zeit nach Hamburg zu gekommen, als die Hafencity gerade konkrete Form annahm. Vom ersten städtebaulichen Wettbewerb an war ich dabei und während meiner gesamten Amtszeit damit beschäftigt. Im Grunde bin ich auch mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Zudem hatte ich das Glück, ein neues großes Projekt mit anschieben zu können, den „Sprung über die Elbe“ mit Wilhelmsburg, der Internationalen Gartenschau und der Internationalen Bauausstellung 2013.

Dann gibt es einige Projekte, die jetzt eingeleitet, aber teilweise noch nicht in ihrer Dimension erkennbar sind. Dazu gehören die „Neue Mitte Altona“, die Neuordnung des Eisenbahnknotens Hamburg-Altona, sowie die „Hamburger Deckel“, drei Tunnel mit einer Gesamtlänge von 3.753 Metern im Zuge des Ausbaus der A7. Dadurch werden bisher von der Autobahn zerschnittene Stadtteile endlich wieder zusammengeführt. Ein großes Thema für die Zukunft wird die Neuentdeckung des Hamburger Ostens im Zuge des Projektes „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sein. Hamburg wird auf 1,9 Millionen anwachsen. Das stellt uns vor die Herausforderung, wieder neue Stadtteile zu bauen. Das größte geplante Wohnungsbaugebiet ist Oberbillwerder im Bezirk Bergedorf und ein Teil des Grossen Grasbrooks gegenüber der HafenCity – womit ein langehegter Wunsch von mir in Erfüllung geht. Das muss jetzt jemand machen, der den Atem hat, so ein Projekt zehn bis fünfzehn Jahre zu begleiten. Deshalb kommt der Wechsel jetzt zum richtigen Zeitpunkt. Kontinuität ist wichtig in der Stadtentwicklung.

Während Ihrer Amtszeit gab sechs verschiedene Senate mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen. In wie weit hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Das ging nur, weil der Oberbaudirektor in Hamburg nicht als politischer, sondern oberster technischer Beamter berufen wird. Er wird als Fachmann und nicht als Politiker gesehen, dessen Rat der Senat in Anspruch nimmt. Natürlich ist die Schnittstelle zwischen Politik und Verwaltung nicht unpolitisch, aber diese Kultur und der Respekt, der mir von allen Ersten Bürgermeistern und Senatoren entgegengebracht worden ist, haben trotz sich verändernder politischer Schwerpunkte auch viel Kontinuität ermöglicht. Denn was in Städtebau und Architektur gut oder schlecht, schön oder hässlich ist, ist schließlich keine parteipolitische Frage.

Hinzu kommt in Hamburg als Bundesland, dass sich gerade im Baubereich die Zuständigkeiten auf viele Senatsbehörden und – bedingt durch mehrere Bezirksverwaltungsreformen – vor allem auf die Bezirke mit eigenen Parlamenten und Ausschüssen erstrecken. Das weitet die Zahl der maßgeblichen politischen und fachlichen Akteure deutlich aus und macht sie heterogener. Heute ist der Abstimmungsbedarf zwischen gesamtstädtischen und bezirklichen Interessen viel größer. Grundsätzlich muss man zwischen zwei verschiedenen Perspektiven unterscheiden: der Zentralverwaltung mit Vorteil gesamtstädtischer Entscheidungsgewalt und der Delegation auf kleinere Einheiten als Teil eines Demokratisierungsprozesses insgesamt.

In diesem Zusammenhang hat auch die Bürgerbeteiligung zugenommen…

Ich finde das keine schlechte Entwicklung. Man kann sich als Demokrat nicht dagegen wehren. Ich habe immer versucht, mit diesen Dingen konstruktiv umzugehen, auch wenn es aufwändiger ist.

In der FAZ stand in einem Kommentar, dass die Hafencity nie gebaut worden wäre, wenn es dazu einen Volksentscheid gegeben hätte. Sie selbst waren für die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Hamburg, obwohl die Spiele in ihrer jetzigen Form und das IOC als Organisator stark in der Kritik stehen. Ihrer Meinung nach sind solche Großereignisse notwendig, um wichtige Infrastrukturprojekte in einer Stadt voranzutreiben. Das spricht doch in bestimmten Fällen gegen eine zu starke Demokratisierung, oder?

Ja. Natürlich sind Bürger- und Volksentscheide neben den Parlamenten, die wir als politische Entscheidungsträger haben, einerseits erschwerend, andererseits ein Thema von breiterer Legitimation.

In Hamburg gab es 2015 ein Bürgerschaftsreferendum, bei dem sich eine knappe Mehrheit, 51,6 Prozent, gegen die Olympischen Spiele entschieden hat. Ich persönlich habe das sehr bedauert. Die Motivation der Bürger für diese Entscheidung war aber nicht das konkrete Konzept für Hamburg. Die Planung der Spielstätten und des Olympischen Dorfes auf dem Kleinen Grasbrook stieß überall auf viel Akzeptanz. Die Ablehnung hatte mit übergeordneten Themen zu tun: der Korruption in den Weltverbänden des Sportes, der Anspruch der Finanzierung der Spiele, bis hin zu Fragen der öffentlichen Sicherheit nach den Anschlägen von Paris im November 2015.

Diese Bedenken teile ich. Doch die Schlussfolgerung, die wir daraus im 21. Jahrhundert ziehen, darf nicht heißen, dass wir Olympische Spiele abschaffen, sondern dass wir sie wieder auf ihren Kern zurückführen müssen. Wir müssen sie wieder zu einem Ereignis von jungen Menschen machen, das Teil der Völkerverständigung und der Stadtgesellschaft wird. Darin lag auch die Idee des Hamburger Konzeptes. Die Spiele wieder kompakter zu machen, mitten in der Stadt, am Wasser, ein Erbe zu hinterlassen, das nicht zu Ruinen großer Stadien führt, sondern zum Bau neuer Stadtteile, die wir sowieso brauchen. Das wäre nachhaltig und vernünftig für Hamburg gewesen.

Ist es heute schwieriger, Großprojekte durchzusetzen?

Ja. Es ist schwieriger und die Ängste davor sind größer geworden. Dem muss man sich entgegenstellen. Es kann und darf nicht sein, dass Großprojekte nur in absolutistischen, undemokratischen Systemen möglich sind! Vielmehr muss man differenzieren zwischen den Inhalten, die man vermitteln will, und dem Ereignis per se, statt bestimmte Großereignisse pauschal zu verdammen. (...)

Ein Interview von Nadin Heinich mit dem ehemaligen Hamburger Oberbaudirektor.

Dezember 2017

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